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Deutschland braucht kein Sondervermögen. Deutschland braucht ein neues Betriebssystem.

Als die Covid-Pandemie begann, zeigte sich weltweit sehr schnell ein fundamentaler Unterschied zwischen modernen digitalen Staaten und klassischen Verwaltungsstaaten.

Während viele westliche Länder monatelang mit Papierprozessen, Zuständigkeitsdiskussionen und langsamer IT kämpften, reagierte Singapur innerhalb weniger Tage. Dort wurde früh eine Covid-Tracking-App entwickelt und als Open Source veröffentlicht. Der harte Lockdown konnte dadurch wesentlich schneller beendet werden.

In Deutschland dagegen dauerte bereits die organisatorische und politische Umsetzung der Corona-Warn-App Monate. Große Konzerne wurden beauftragt, Projektvolumina in zweistelliger Millionenhöhe diskutiert, Zuständigkeiten abgestimmt, Datenschutzdebatten geführt und föderale Prozesse berücksichtigt. Währenddessen stand ein erheblicher Teil der Wirtschaft still.

Der eigentliche Schaden bestand dabei nicht in den Entwicklungskosten der App. Der eigentliche Schaden waren die Opportunitätskosten: monatelange Lockdowns, Produktionsausfälle, Insolvenzen, Bildungsdefizite, psychologische Belastungen und milliardenschwere Rettungspakete.

Das Problem war nicht fehlende Technologie.
Das Problem war die Struktur des Staates.

Und genau dieselbe strukturelle Schwäche erleben wir heute erneut — diesmal nicht bei einer Pandemie, sondern bei der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Deutschlands eigentliches Problem ist Produktivität

Deutschland diskutiert ständig über Energiepreise, Fachkräftemangel, Industriepolitik, Sondervermögen und Investitionsprogramme. Doch der zentrale Engpass liegt tiefer: Deutschland leidet unter einem extrem hohen administrativen Reibungsverlust.

Millionen Arbeitsstunden fließen täglich nicht in Innovation, Forschung, Produktion, Kundenarbeit oder Entwicklung, sondern in Dokumentation, Genehmigungsprozesse, Nachweispflichten, Formularwesen, regulatorische Absicherung, Mehrfachmeldungen und Verwaltungsabstimmungen.

Der Staat selbst arbeitet vielfach noch immer nach einer Logik des analogen Zeitalters: PDFs statt Datenstrukturen, Formulare statt APIs, Akten statt Echtzeitregister, Mehrfacherfassung statt Once-Only-Prinzip.

Das Ergebnis ist einfach: Deutschland wird langsamer.

Deutschland braucht kein weiteres Digitalprojekt — sondern ein neues Betriebssystem

Die Blaupause dafür existiert längst: e-Estonia.

Estland zeigt, dass ein moderner Staat nicht primär Dokumente verwalten muss, sondern digitale Identitäten, Register, Signaturen und Zustandsänderungen. Bürger und Unternehmen liefern Daten nicht immer wieder neu, sondern einmal. Danach arbeiten staatliche Systeme auf verifizierten digitalen Grundlagen.

Deutschland müsste diese Logik nicht neu erfinden. Der pragmatische Weg wäre:

Erstens: Lizenzierung oder technische Übernahme der e-Estonia-Architektur, soweit möglich. Zweitens: Anpassung an deutsches Recht nur dort, wo zwingend erforderlich. Drittens: Aufbau einer deutschen Staats-Blockchain, orientiert an Ethereum-Prinzipien, jedoch als staatlich kontrollierte, rollenbasierte Infrastruktur. Viertens: Entwicklung durch deutsche Softwareingenieure, KI-gestützte Teams und offene Standards. Fünftens: klarer Stichtag für den Übergang.

Alles, was vor diesem Stichtag existiert, wird eingefroren und archiviert. Alles Neue entsteht digital-native. Damit entfällt die jahrzehntelange Migrationshölle, an der große Verwaltungsprojekte normalerweise scheitern.

Der doppelte Effekt: Kosten weg, Bremse weg

Eine solche Verwaltungsdisruption hätte zwei Effekte gleichzeitig.

Der erste Effekt wäre fiskalisch: direkte Einsparungen in den öffentlichen Haushalten.

Deutschland hat rund 5,6 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst — Beamte und Tarifbeschäftigte zusammen. Natürlich arbeitet davon ein erheblicher Teil in produktiven Bereichen wie Schulen, Polizei, Justiz, Hochschulen, Infrastruktur oder Sicherheit. Aber ein großer Teil des Apparates ist mit administrativer Sachbearbeitung, Registerführung, Nachweisprüfung, Formularbearbeitung, internen Genehmigungsketten und Mehrfachverwaltung beschäftigt.

Wenn durch KI, Registerautomatisierung und digitale Staatsprozesse nur 20 Prozent dieser Strukturen mittelfristig substituiert, nicht nachbesetzt oder in produktivere Bereiche verlagert würden, entspräche das rund 1,1 Millionen Stellenäquivalenten. Bei angenommenen Vollkosten von 70.000 bis 90.000 Euro pro Jahr und Beschäftigtem ergibt sich daraus ein jährliches Einsparpotenzial von etwa 77 bis 99 Milliarden Euro.

Bei 30 Prozent läge das Potenzial bereits bei rund 1,7 Millionen Stellenäquivalenten. Das entspräche etwa 120 bis 150 Milliarden Euro pro Jahr.

Bei einer wirklich tiefgreifenden Verwaltungsdisruption von 40 Prozent wären rund 2,2 Millionen Stellenäquivalente betroffen. Dann läge das fiskalische Bruttoeinsparpotenzial bei etwa 155 bis 200 Milliarden Euro jährlich.

Diese Beträge enthalten noch nicht einmal vollständig die Nebeneffekte: weniger Büroflächen, weniger IT-Parallelstrukturen, weniger externe Berater, weniger Pensionsaufbau, weniger interne Prozesskosten.

Der zweite Effekt wäre volkswirtschaftlich noch größer: Die Bremse ginge weg.

Bürokratie ist für Unternehmen eine Art unsichtbare Zusatzsteuer. Sie bindet Kapital, Zeit und Managementkapazität. Sie verzögert Investitionen, verteuert Gründungen, verlangsamt Bauvorhaben, blockiert Expansion und frustriert Fachkräfte.

Für die Wirtschaft entstehen dadurch direkte und indirekte Kosten. Direkte Bürokratie- und Compliancekosten lassen sich konservativ mit 60 bis 100 Milliarden Euro jährlich ansetzen. Dazu kommen Opportunitätskosten: verzögerte Investitionen, entgangene Skalierung, verlorene Innovationsgeschwindigkeit, nicht realisierte Projekte und abwanderndes Kapital.

Wenn eine digitale Staatsarchitektur davon nur ein Drittel beseitigen würde, entstünde bereits eine jährliche Entlastung von 20 bis 35 Milliarden Euro. Bei einer Halbierung wären es 30 bis 50 Milliarden Euro. Bei einer tiefgreifenden Automatisierung könnten 60 Milliarden Euro und mehr pro Jahr frei werden.

Aber das ist nur der direkt sichtbare Teil.

Noch bedeutender ist der Produktivitätseffekt. Wenn Unternehmen schneller gründen, schneller bauen, schneller investieren und weniger hochqualifizierte Arbeitszeit in administrative Schleifen verlieren, steigt die gesamte Kapitalproduktivität. Selbst ein zusätzlicher Produktivitätseffekt von nur 1 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts entspräche grob 40 bis 45 Milliarden Euro pro Jahr. Zwei Prozent entsprächen bereits rund 80 bis 90 Milliarden Euro.

Damit ergibt sich für die Wirtschaft ein realistischer jährlicher Freisetzungseffekt von etwa 80 bis 180 Milliarden Euro. In einem aggressiveren Szenario können es 250 Milliarden Euro und mehr sein.

Die Opportunitätskosten des Nicht-Handelns

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Was kostet die Transformation?

Die entscheidende Frage lautet:
Was kostet es, sie nicht durchzuführen?

Wenn Deutschland bis 2028 keine echte Verwaltungsdisruption einleitet, entstehen mindestens vier Kostenblöcke.

Erstens bleiben direkte staatliche Einsparungen aus. Je nach Szenario sind das 70 bis 180 Milliarden Euro pro Jahr.

Zweitens bleiben Bürokratie- und Compliancekosten in der Wirtschaft bestehen. Das kostet weitere 60 bis 120 Milliarden Euro pro Jahr.

Drittens beschleunigt sich die industrielle Erosion. Wenn innerhalb eines Jahres bereits rund 120.000 Industriearbeitsplätze verloren gehen, ist das nicht nur ein sozialpolitisches Problem. Industriearbeitsplätze erzeugen hohe Wertschöpfung, starke Zulieferketten, Exportkraft und Steueraufkommen. Setzt sich dieser Trend fort, können jährlich zusätzliche Wertschöpfungsverluste von 20 bis 60 Milliarden Euro entstehen.

Viertens entstehen Standortverluste durch Kapitalflucht, Unternehmensverlagerung und Brain Drain. Wenn Unternehmer, Entwickler, Investoren und Wachstumsunternehmen Deutschland verlassen oder ihre nächsten Projekte nicht mehr hier starten, verliert der Staat künftige Steuerbasis. Der Effekt ist schwer exakt zu messen, aber volkswirtschaftlich enorm. Konservativ kann man dafür 40 Milliarden Euro jährlich ansetzen. In einem realistisch-aggressiven Szenario sind 100 Milliarden Euro und mehr möglich.

Addiert man diese Blöcke, entsteht folgendes Bild:

Konservatives Szenario:

* verpasste Verwaltungseinsparung: 70 Milliarden Euro
* fortbestehende Bürokratiekosten: 60 Milliarden Euro
* verlorene Industrie-Wertschöpfung: 20 Milliarden Euro
* Standort- und Kapitalfluchteffekte: 40 Milliarden Euro

Summe: rund 190 Milliarden Euro pro Jahr.

Realistisches Szenario:

* verpasste Verwaltungseinsparung: 120 Milliarden Euro
* fortbestehende Bürokratiekosten: 90 Milliarden Euro
* verlorene Industrie-Wertschöpfung: 40 Milliarden Euro
* Standort- und Kapitalfluchteffekte: 80 Milliarden Euro

Summe: rund 330 Milliarden Euro pro Jahr.

Aggressives Szenario:

* verpasste Verwaltungseinsparung: 180 Milliarden Euro
* fortbestehende Bürokratiekosten: 120 Milliarden Euro
* verlorene Industrie-Wertschöpfung: 60 Milliarden Euro
* Standort- und Kapitalfluchteffekte: 120 Milliarden Euro

Summe: rund 480 Milliarden Euro pro Jahr.

Damit liegt die zentrale Aussage auf dem Tisch:

Die Kosten des Nicht-Handelns liegen bis 2028 plausibel in einer Größenordnung von 200 bis 500 Milliarden Euro jährlich.

Das ist keine haushaltspolitische Randfrage mehr. Das ist eine makroökonomische Standortfrage.

Staaten stehen im Wettbewerb

Viele betrachten Staaten noch immer wie stabile Verwaltungseinheiten, die unabhängig von globalem Wettbewerb funktionieren. Doch das ist längst vorbei.

Heute konkurrieren Staaten um Unternehmen, Kapital, Talente, Steuerbasis, Industrie, Forschung und Innovationskraft.

Deutschland verliert in diesem Wettbewerb seit Jahren sichtbar an Dynamik: steigende Bürokratiekosten, langsame Genehmigungen, Kapitalabfluss, Brain Drain, sinkende Industrieproduktion und hohe regulatorische Komplexität.

Gleichzeitig werden Länder mit schlanken digitalen Verwaltungsstrukturen immer attraktiver.

Der entscheidende Punkt lautet deshalb: Eine radikale Digitalisierung des öffentlichen Sektors ist keine Komfortfrage mehr. Sie wird zur wirtschaftlichen Überlebensnotwendigkeit.

Warum diese Transformation nur disruptiv funktionieren kann

Der entscheidende Punkt ist: Eine solche Staatsmodernisierung funktioniert nicht inkrementell.

Deutschland versucht seit Jahren, analoge Verwaltungsstrukturen schrittweise zu digitalisieren. Das Ergebnis sind zusätzliche Ebenen:

* Papier plus PDF,
* Formular plus Onlineformular,
* Altregister plus Parallelregister,
* analoge Prozesse mit digitalem Anstrich.

Genau dadurch entstehen die bekannten Milliardenprojekte mit langen Laufzeiten, explodierenden Kosten und begrenzter Wirkung.

Eine echte Verwaltungsreform kann deshalb nur disruptiv funktionieren — mit einem klaren Stichtag.

An diesem Tag würde Deutschland verwaltungstechnisch von einem trägen, analogen und hochgradig fragmentierten System auf eine leistungsfähige digitale Architektur umschalten.

Der Mechanismus wäre vergleichsweise einfach:

  • Alles, was vor dem Stichtag existiert, wird eingefroren und revisionssicher archiviert.
  • Alle neuen Vorgänge laufen ausschließlich über die neue digitale Infrastruktur.
  • Neue Unternehmen, neue Genehmigungen, neue Registereinträge, neue Verwaltungsakte und neue Steuerprozesse entstehen nur noch digital-native.
  • Die neue Architektur basiert auf digitalen Identitäten, Registervernetzung, kryptographischen Signaturen und einer staatlichen Blockchain-Infrastruktur nach Ethereum-Prinzipien.

Der entscheidende Vorteil:
Die jahrzehntelange Migrationsproblematik entfällt weitgehend. Man versucht nicht mehr, die gesamte Vergangenheit permanent mitzuschleppen, sondern trennt sauber zwischen Archivwelt und Neusystem.

Juristisch wäre dies überraschend einfach umsetzbar.

Im Kern würde ein einziges großes Digitalstaatsgesetz genügen, beschlossen durch Bundestag und Bundesrat. Dieses Gesetz müsste insbesondere regeln:

  • Vorrang digitaler Prozesse
  • Ersatz der Schriftform durch digitale Signaturen
  • verbindliche Registervernetzung
  • Once-Only-Prinzip
  • zentrale digitale Identitäten
  • Zulässigkeit staatlicher Blockchain-Infrastruktur
  • sowie den verbindlichen Stichtag des Systemwechsels

Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht im Recht und nicht in der Technik.

Die eigentliche Herausforderung ist politisch:
Ein solcher Schritt würde bestehende Verwaltungs- und Intermediärstrukturen tiefgreifend verändern — und genau deshalb wird er bislang nicht konsequent angegangen.

Die eigentliche Hürde ist nicht Technik

Technisch wäre ein solcher Umbau heute machbar.

Deutschland verfügt über hervorragende Entwickler, starke KI-Kompetenz, leistungsfähige Infrastruktur, moderne Kryptographie, Cloud-Technologien und API-Architekturen.

Die eigentliche Hürde ist institutionelle Trägheit.

Denn eine echte Verwaltungsdigitalisierung würde Intermediäre reduzieren, Verwaltungsapparate verschlanken, Kammer- und Nachweisstrukturen verändern, bürokratische Prozessketten automatisieren und enorme Transparenz schaffen.

Genau deshalb verlaufen Digitalisierungsprojekte in Deutschland häufig so langsam: Sie bedrohen bestehende Macht- und Verwaltungsstrukturen.

Fazit

Deutschland braucht kein weiteres Digitalprojekt. Deutschland braucht eine digitale Staatsreform.

Nicht in zehn Jahren. Nicht nach der nächsten Kommission. Nicht als weiteres PDF-Portal.

Sondern als radikale Architekturentscheidung: e-Estonia als Vorbild, deutsche Blockchain-Infrastruktur als Vertrauensebene, KI als Produktivitätsmotor, Stichtagsprinzip statt Legacy-Migration.

Die Kosten einer solchen Transformation wären erheblich. Aber sie wären beherrschbar.

Die Kosten des Nicht-Handelns dagegen könnten größer sein als jedes Sondervermögen, das Deutschland politisch überhaupt noch auflegen kann.

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Sinkende Zinsausgaben – echte Entlastung oder Klingbeil’s Buchungseffekt?

Auf den ersten Blick wirkt der Bundeshaushalt 2025 wie eine kleine Erfolgsgeschichte: Die ausgewiesenen Zinsausgaben sind gegenüber dem Vorjahr deutlich gesunken. In Zeiten steigender Kapitalmarktzinsen und Neuverschuldung scheint das widersprüchlich. Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Entwicklung jedoch keine reale Entlastung, sondern vor allem eine veränderte buchhalterische Behandlung staatlicher Schulden.

Seit der Zinswende ab dem Jahr 2022 hat sich die Refinanzierung des Bundes spürbar verteuert. Neue Anleihen werden häufig nicht mehr zum Nennwert ausgegeben, sondern mit Abschlägen, sogenannten Disagien. Ökonomisch betrachtet sind diese Abschläge nichts anderes als zusätzliche Zinskosten. Umso bemerkenswerter erscheint es, dass die ausgewiesenen Zinsausgaben im Jahr 2025 dennoch niedriger ausfallen als im Vorjahr. Während sie 2024 noch bei rund 42,6 Milliarden Euro lagen, werden für 2025 lediglich etwa 36,6 Milliarden Euro ausgewiesen. Der Rückgang beträgt damit rund sechs Milliarden Euro.

Die Erklärung liegt in einer neuen Buchungspraxis für Bundeswertpapiere. Bislang wurden Finanzierungskosten stärker im Jahr der Emission sichtbar. Mit der neuen Methode werden diese Kosten nun über die gesamte Laufzeit der Anleihe verteilt. Was auf den ersten Blick nach einer technischen Anpassung klingt, hat erhebliche Auswirkungen auf das Haushaltsbild. Die Zinslast verschwindet nicht, sondern wird zeitlich gestreckt. Kurzfristig sinken die ausgewiesenen Ausgaben, während sie in den kommenden Jahren entsprechend höher ausfallen werden.

In der finanzstatistischen Betrachtung ergibt sich daraus für 2025 eine Entlastung von etwa sechs Milliarden Euro. Bezieht man zusätzlich Sondervermögen und Planungseffekte ein, liegt der Effekt sogar bei bis zu acht Milliarden Euro. Das bedeutet konkret, dass das Haushaltsdefizit im Jahr 2025 ohne diese Umstellung deutlich höher ausgefallen wäre. Die Verbesserung ist somit vor allem optischer Natur.

Inhaltlich lässt sich die neue Praxis als Annäherung an internationale Rechnungslegungsstandards interpretieren. Insbesondere erinnert sie an die Effektivzinsmethode nach IFRS, bei der Finanzierungskosten periodengerecht über die Laufzeit eines Instruments verteilt werden. Aus ökonomischer Sicht ist dieser Ansatz durchaus sinnvoll, da er die tatsächliche Belastung gleichmäßiger abbildet und extreme Ausschläge im Emissionsjahr vermeidet.

Gleichzeitig bleibt jedoch ein zentraler Unterschied bestehen: Der Bundeshaushalt ist kein IFRS-Abschluss, sondern folgt weiterhin den Grundsätzen der Kameralistik. Diese ist traditionell am Zahlungsfluss orientiert und erfasst Einnahmen und Ausgaben primär im Zeitpunkt ihrer Kassenwirksamkeit. Genau dieses Prinzip wird durch die neue Buchungspraxis zumindest teilweise aufgeweicht. An die Stelle einer strikt zahlungsorientierten Erfassung tritt in diesem Bereich eine zeitliche Verteilung über mehrere Jahre.

Formal wird die Kameralistik dadurch nicht aufgehoben, wohl aber verändert. Es entsteht eine Art hybrides System, das Elemente der periodengerechten Rechnungslegung übernimmt, ohne die grundlegende Logik des Haushalts vollständig zu transformieren. Diese Entwicklung ist nicht zufällig.

Aus analytischer Sicht ist diese Veränderung ambivalent. Einerseits erhöht die periodengerechte Verteilung die inhaltliche Aussagekraft der Zinskosten. Andererseits eröffnet sie Spielräume in der Darstellung, die die Vergleichbarkeit zwischen Haushaltsjahren erschweren können. Entscheidend ist daher, zwischen der ausgewiesenen Zinslast und den tatsächlichen Finanzierungskosten zu unterscheiden.

Am Ende bleibt festzuhalten, dass die gesunkenen Zinsausgaben im Bundeshaushalt 2025 keine echte Entlastung darstellen. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer veränderten buchhalterischen Logik. Die ökonomische Belastung des Staates hat sich nicht verringert, sondern lediglich zeitlich verschoben. Wer die finanzielle Lage des Bundes realistisch beurteilen will, muss daher tiefer blicken als auf die offiziellen Haushaltszahlen allein.

Lars Klingbeil verkauft, was Unternehmen rechtfertigen und offenlegen müssten, im Staatshaushalt einfach als „neue Buchungspraxis“.

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Schon wieder WhatsApp: Daten sind nicht sicher

Zum zweiten Mal wird bekannt, dass WhatsApp ein öffentlich gegebenes Versprechen gebrochen hat. Die erst im letzten Jahr verkündete „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung“ hat eine Hintertür zum Mitlesen.

Schon seit April 2016 besteht eine Hintertür

Tobias Boelter, ein Kryptographie-und Sicherheitsforscher an der University of California, Berkeley, hat bereits im April 2016 den Facebook-Konzern über seine Entdeckung informiert. Doch Facebook reagierte lässig: die Tatsache, dass eine Hintertür zum Mitlesen der Kommunikation zwischen WhatsApp-Usern bestehe, sei bekannt, und man werde sich auch nicht weiter damit beschäftigen.

The Guardian berichtet über Boelter´s Entdeckung

Die britische Tageszeitung The Guardian berichtet heute erstmals über die vom kalifornischen Sicherheitsforscher gemachte Entdeckung einer Sicherheitslücke beim Messenger WhatsApp. Zwar setze WhatsApp eine als sicher anerkannte Software namens Signal ein, um die erforderlichen Sicherheitsschlüssel für jeden Nutzer zu erzeugen. Jedoch hat die Firma die Möglichkeit, für ein abgeschaltetes Handy nachträglich neue Schlüssel zu generieren. Mit diesen, vom Nutzer unbemerkt ausgetauschten Schlüsseln kann der WhatsApp – Server nun alle gespeicherten Konversationen des Nutzers erneut und nunmehr auch für Dritte lesbar versenden, zum Beispiel an sich selbst oder eine Behörde.

Endgültiges Ende der Privatsphäre

WhatsApp hat nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Nutzer weltweit. Da das besitzende Unternehmen Facebook dem US-amerikanischen Recht unterliegt, kann und wird es von einer Vielzahl amerikanischer Behörden dazu verpflichtet, diesen Behörden Zugang zu Benutzerdaten zu geben. In vielen Fällen darf das Unternehmen darüber noch nicht einmal sprechen, ohne sich strafbar zu machen. Mit der nun bekannt gewordenen Hintertür ist klar, dass jeder Nutzer von WhatsApp sich dem Risiko aussetzt, dass seine gesamte Kommunikation auch ohne begründeten Verdacht auf kriminelle Aktivitäten bei Facebook und/oder US-Agencies landet. Zum zweiten Mal kann die Konsequenz also nur lauten: Finger weg von WhatsApp.

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Die Welt hat den besten Ökonomen der Welt

Holger Zschäpitz, Redakteur der „Welt“, hat die Zauberformel für den EURO gefunden. Nach seiner Theorie könnte ein EURO bald weniger als einen EURO Wert sein.

Trump als Auslöser

Die Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika beflügelt die Phantasien unzähliger Journalisten. Besonders „Die Welt“ widmet diesen Spekulationen täglich mehrere Artikel. Einen neuen Höhepunkt erreicht die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 16. November 2016.

Der Qualitätsjournalismus

Gute Ökonomen suchen sich einen Job in einem ThinkTank, bessere ergattern eine Stelle in einer grossen Bank. Die bisherige Spitze des wirtschaftswissenschaftlichen Know-How sammelte sich bei den Zentralbanken, allen voran bei der EZB. Das war bis gestern. Heute nun strahlt der hellste Ökonomenstern in der Redaktion der „Welt“. Holger Zschäpitz, der schon seit Jahren seine Berufung darin sieht, Unternehmen und deren Vorstände durch falsche oder mutwillig skandalisierende Artikel zu beschädigen, hatte seinen ersten wirklich guten Einfall. Man hatte eigentlich gehofft, dass er bei Springer´s Welt mehr Akkuratesse entfaltete. Aber Zschäpitz ist noch nicht da, wo er hin will. Also schreibt er jetzt über Trump und den EURO.

Zschäpitz nennt Täter und Opfer

In der Überschrift seines Artikels kommt der Auto gleich auf den Punkt: die „Deutsche Bank degradiert den EURO zum Schwächling“! Markige Worte, die Deutsche Bank ist ja ohnehin seit Monaten in der Presse ein beliebter Bösewicht. Nun also hat die Deutsche Bank derartige Muskeln entwickelt, dass sie eine ganze Währung „zum Schwächling degradieren“ kann. Tolle Wortwahl, aber was will Zschäpitz damit bewirken? Tatsächlich hat er sich an´s Telefon gehängt und kann nun die Experten der Deutschen Bank, Bloomberg, Societe Generale und Goldman Sachs zitieren, um irgendwie seine Argumentation belegen zu können. Aber warum schafft es, bei einheitlichem Expertentenor, nur die Deutsche Bank in die blutrünstige Überschrift?

Der Geniestreich

Dass die europäische Gemeinschaftswährung seit der Finanzkrise einige Schwierigkeiten hat, dürfte bekannt sein. Die EZB druckt Geld, indem sie monatlich Milliarden für Anleihekäufe einsetzt. Ziel der EZB ist es, die Kreditvergabe und damit die Preissteigerungsrate (vulgo: Inflation) zu erhöhen. Zschäpitz nun schafft das mit einem simplen Trick: Donald Trump wird dafür sorgen, dass „der EURO schon bald weniger als einen EURO wert sein dürfte“ (Konjunktiv, beliebtes Stilmittel dieser Art von Unverbindlichkeitsjournalismus). Es wird also der Tag kommen, an dem zwei Münzen zu je einem EURO vor Ihnen liegen, und die eine Münze ist mehr wert als die andere. Wenn Sie damit dann Schwierigkeiten haben sollten, rufen Sie einfach in der Wirtschaftsredaktion der Welt an und fragen nach dem Chef.

P.S.: Es ist denkbar, dass Zschäpitz seinen Artikel noch einmal umschreibt. Aus diesem Grund habe ich ein Foto von der Originaleinleitung gemacht und diesem Blogpost vorangestellt. Ein Dokument der Zeitgeschichte.

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Chronik eines angekündigten Todes : eine Fake-Story im manager magazin

Das manager Magazin geht auf ein Unternehmen und dessen Vorstand Stefan Domeyer los. Dabei dokumentiert es den Beginn seiner eigenen „Chronik eines angekündigten Todes“.

„Die lange Geschichte eines Unternehmens, das die Internet-Technik revolutionieren wollte.“ So beginnt der mehrseitige Artikel von Clemens von Frentz  im manager magazin, Ausgabe vom Mai 2001. Das mag zwar lange her sein, aber in einer Email vom November 2016 teilt Sven Oliver Clausen, stellvertretender Chefredakteur der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH, mit, dass der Artikel „von uns zulässiger Weise in unser Onlinearchiv eingestellt ist und dort dauerhaft unverändert zum Abruf bereitgehalten werden darf“. Damit erhält eine alte, schon damals mehr als fragwürdige Story wegen der Clickbedürfnisse des zum SPIEGEL gehörenden Blattes aktuelle Relevanz.

Auf den ersten Blick bemerkenswert ist der Gegensatz, mit dem Autor Clemens von Franz an seine Aufgabe, ein Stück zu schreiben, herangeht. Für den Inhalt bemüht er seine reichlich vorhandene Phantasie, ohne sich um Fakten zu bemühen. Für die Überschrift aber muss es Hardcore sein, und dafür muss er ein Plagiat wagen. Der Titel „Chronik eines angekündigten Todes“ ist nämlich bereits 1981 aus dem literarischen Hirn des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez entstanden. Schon mit den ersten Buchstaben, die von Frentz in seinen Redaktions-PC eingibt, legt er also einen Autoren-Offenbarungseid ab.

Welche Genugtuung schöpft von Frantz daraus, im zweiten Absatz in epischer Breite das aktuelle und ehemalige Jahres“salär“ des Vorstandes Stefan Domeyer darzustellen? Das Wort Gehalt hätte es wohl auch getan, wobei die Frage bleibt, inwieweit dieses eine für den verständigen Leser einer Manager-Fachzeitschrift interessierende Information darstellt. Vielleicht will von Frentz auch nur von Beginn an klar machen, dass hier eine persönliche Abrechnung kommen soll.

Sodann beschäftigt er sich damit, wieviele Aktien der Vorstand Stefan Domeyer wann besitzt, und stellt die Behauptung auf, diese Zahlen seien „Makulatur, da Domeyer mehrere Verkäufe tätigt“. Damals wie heute eine unwahre Tatsachenbehauptung, da Domeyer keine Aktien verkauft hat. Es reicht von Frentz aber aus, Vermutungen und Unwahrheiten als Fakten auszugeben, solange ein auflagenstarker Verlag hinter ihm steht.

Unter der Überschrift „Erster Ärger“ verkauft von Frentz als nächstes die Nachricht, dass die Schutzgemeinschaft der Kleinanleger, namentlich Marcus Straub, Vorwürfe gegen das Metabox-Management erhoben habe, der Vorstand habe seine Halteverpflichtungen verletzt und Aktien verkauft. Wieder eine falsche Tatsachenbehauptung, kein einziger Vorstand hat auch nur eine einzige Aktie verkauft. Einzig der benannte Marcus Straub wurde später wegen Insiderhandels und Frontrunnings verurteilt.

Danach knöpft sich von Frentz einen Journalistenkollegen vor. Die „Schumacher-Affäre“ klingt toll nach Geheimnissen und Kriminalität. Tatsache ist, dass Manfred Schumacher, damals stellvertretender Chefredakteur von Focus Money, bereits vor seiner Berufung Aufsichtsrat bei Metabox gewesen ist. Seine Ehefrau ist an einer PR-Agentur beteiligt, die unter anderem Metabox beraten hat. Eine „Affäre“ wäre es gewesen, wenn Focus Money bei jeder Gelegenheit positiv über Metabox berichtet hätte. Schade, diese gute Presse hatten wir leider nie. Aber Manfred Schumacher hat der Artikel im manager magazin den Job gekostet. Glückwunsch nach Hamburg!

Als nächstes bekommt ein ausgedienter Börsenguru seine Plattform: Hans Bernecker hatte sich im Sender n-tv über diverse Technologieunternehmen, deren Tätigkeiten der alte Herr einfach nicht verstehen konnte, mehr als nachteilig geäussert. Die Replik von Metabox-Vorstand Stefan Domeyer in einem Brief an seine Aktionäre dient von Frentz für das einzige korrekte Zitat innerhalb seines Artikels, jedoch nicht, ohne anzumerken, dass „Bernecker in allen Punkten recht behalten solle.“ Dies ist zwar komplett falsch, aber … siehe oben.

Weiter geht es, indem ein weiterer „Experte“ zitiert wird: „… dass auch ohne detaillierte Informationen aus dem Management zu erkennen sei, wie schlecht Metabox auf dem Markt für digitales interaktives Fernsehen positioniert ist.“ Zur Klarstellung; Metabox war das einzige Unternehmen, das die Potentiale des für uns heute selbstverständlichen interaktiven TV bereits im Jahr 1998 erkannt und durch eigene Entwicklungsarbeit umgesetzt hat. Aber das wusste von Frentz natürlich nicht. Wäre auch zu mühevoll gewesen, sich damit auseinander zu setzen.

Er schreibt weiter: „Auch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel meldet sich zu Wort.“ Stimmt mal wieder nicht, denn er selbst hatte dort angerufen und versucht, beim heutigen BaFin irgendetwas zu erfahren, das seiner Story helfen könnte.

Der nächste Versuch, Fakten zu präsentieren, besteht darin, das eigene Blatt zu zitieren: „Interaktives Fernsehen, bei dem die Zuschauer mit dem Sender kommunizieren können, wird nur in wenigen Teilen Deutschlands angeboten.“ Wie dumm und falsch: das BOT-Signal von Metabox wurde im Signal von n-tv deutschlandweit verteilt, und Internetzugang gab es ebenfalls überall. Von Frentz offenbart erneut sein erbärmliches Faktenwissen.

Er wirft dem Unternehmen und namentlich Stefan Domeyer weiter vor, „die Namen dieser angeblichen Kunden will er aber auch weiterhin nicht nennen.“ Lieber Herr Journalist, kennen Sie den Unterschied zwischen Singular und Plural? Es wurden stets alle Namen von allen Kunden und Geschäftspartnern benannt, bis auf einen, allerdings sehr wichtigen Fall. Das Unternehmen AMPA aus Israel, mit dem Metabox eine für seine Zukunft sehr wichtige Vereinbarung getroffen hatte, bestand darauf, diese Vereinbarung selbst zu veröffentlichen, und verpflichtete Metabox dazu, seinen Namen nicht zu veröffentlichen. Ein Verstoss gegen diese Verpflichtung hätte dazu geführt, dass AMPA vom Vertrag hätte zurücktreten können. Also entschied sich Metabox, vertreten durch Stefan Domeyer, nach eingehender Beratung auch mit den Juristen des Unternehmens, den Namen AMPA nicht zu nennen, um die Geschäftsbeziehung nicht zu gefährden. Über den Vorgang als solchen allerdings machte Metabox eine Pflichtmitteilung, da die Gefahr von Insidergeschäften bestand und die gesetzlichen Bestimmungen dieser Gefahr vorbeugen wollten.

Zu dieser Zeit hatte die Stimmungsmache von Spiegel und manager magazin bereits dazu geführt, dass Metabox in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wurde. Bei einem nächsten Abschluss (UK) sprach der Vorstand also zunächst mit dem BaFin und legt vor der Pflichtmitteilung dem Amt alle diesbezüglichen Unterlagen vor. Doch wieder war es nicht recht: das BaFin untersagte Wochen später der Metabox AG, öffentlich auf die Vorlage dieser Dokumente hinzuweisen. Es war zwar alles so geschehen und eng abgestimmt gewesen, aber die Angst vor der Presse brachte auch Beamte dazu, in Deckung zu gehen. Wasser auf die Mühlen des von Frentz.

Der Artikel geht in dieser Machart noch seitenweise so weiter. Ich erlaube mir aber bereits an dieser Stelle ein Fazit: eingeläutet wurde hier die Chronik eines angekündigten Todes, jedoch nicht der von Metabox, sondern der von unseriösen Medien wie Spiegel und manager magazin.

Wie komme ich auf diese Einschätzung? Die Medien insgesamt haben seit Jahren ein Glaubwürdigkeitsproblem, verbunden mit sinkenden Auflagen und Umsätzen. Der Grund hierfür liegt in den meisten Fällen darin, dass wie hier geschildert unter Verstoss gegen den Pressekodex des Deutschen Presserates Artikel aus reiner Sensationslust veröffentlicht werden, ohne dass belastbare Fakten recherchiert und im Text verarbeitet werden.

Die Schwäche dieser Old-Economy-Medien führt zu einer sich selbst beschleunigenden Abwärtsspirale: schlechte Artikel wie der hier geschilderte verärgern Leser und kosten Glaubwürdigkeit. Auflagen sinken, der Umsatz geht zurück, es wird zuerst an der Redaktion gespart.

Und damit sind wir bei der interessanten Frage, wer sich hier eigentlich mit einer technisch und wirtschaftlich durchaus komplexen Materie auseinander gesetzt hat. Und man bekommt eine Idee, warum dies schief gehen musste. Clemens von Frentz ist keinesfalls, wie man es für einen Wirtschaftsjournalisten annehmen würde, Diplomkaufmann oder wenigstens gelernter Industriekaufmann. Nein, weit gefehlt: Clemens von Frentz ist diplomierter Holzfachwirt. Er hat, ausweislich seines Profils im Fachdienst Kress, einen Karriere wie eine Achterbahnfahrt hinter sich. Statt aus seinem Studienabschluss etwas vernünftiges zu machen, geht er zu Gruner + Jahr, um seinen Namen unter Artikeln in Publikumszeitschriften zu sehen. Steil bergauf geht es danach: Chef vom Dienst (also Nachtarbeiter) beim manager magazin. Heute gibt er als Position an „Stellvertretender Chefredakteur“ einer Firma namens Druck & Medien. Unter Qualifikation steht bei Kress „Hamburger Presseclub“ und „Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten“. Das wird wohl kaum für eine Stelle im echten Newsbusiness reichen.

Aber wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, hat als Holzfachwirt wohl auch schlechte Karten. Da wird man lieber Journalist und verdient sein Geld mit der medialen Vernichtung anderer, die wirklich hart und ehrlich an ihrer Aufgabe arbeiten.

Die Lichter werden absehbar ausgehen für Medien dieser Qualität, und um mit einem ehemaligen Berliner Bürgermeister zu sprechen: „Das ist auch gut so!“

 

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Wintereinbruch in Norddeutschland: immer wieder überraschend

Wir schreiben den 8. November 2016. Seit mindestens vier Tagen erklären uns die Wetterfrösche im gebührenfinanzierten Fernsehen, dass nun der Winter „auch in die tiefen Lagen“ kommen werde. Heute morgen ist es dann passiert: der nervige Dauerregen ging in Schnee über, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Und schon sind sie wieder da, die Schlagzeilen vom „Wintereinbruch“ und vom „Verkehrschaos“. Auf unserer kleinen Stadtautobahn gab es gleich erstmal einen Unfall, wahrscheinlich weil ein gründlich gewarnter Autofahrer sein Tempo auf solide 50 km/h justiert hat. Wer dann dahinter bei Regentempo unterwegs war, durfte sich schon mal für eine Vollbremsung bereit machen.

Warum eigentlich bricht immer gleich die Panik in Norddeutschland aus, wenn das bisschen Winter seinen Weg zu uns findet. Die Norweger und Schweden würden sich darüber kaputt lachen. Und lachen dürften auch die Reifenhändler, auf deren Hof und in den Hotlines sich jetzt wieder überraschte Autobesitzer für Winterreifen in die Schlange stellen. Dabei ist es doch nicht anders als in allen Jahren zuvor, und die Umstellung auf die Winterzeit haben wir ja auch geschafft. Deutschlands Autofahrer lieben halt die Panik rund um den Wintereinbruch.

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Datenschutz und die Macht des Faktischen

Die Welt ist digital, und man muss sich schon sehr tief in den Urwald zurückziehen, um einer Teilnahme an der digitalisierten Welt zu entgehen. Teilnahme bedeutet jedoch nicht durchweg auch Teilhabe, denn Menschen sind heute „Customer“ oder „User“.
Als Customer, also Kunden, zahlen wir mit harter Währung, egal ob EURO, Dollar oder Bitcoin. Zur weichen, oftmals unbemerkten Kasse werden wir aber in unserer Rolle als User (Benutzer) gebeten. Die Währung, die nicht nur soziale Netzwerke, sondern auch Suchmaschinen, Email-Versender, E-Learning-Anbieter oder Blogger von uns fordern, heisst Privatsphäre. Diese geben wir nämlich Stück für Stück auf, indem wir uns den Geschäftsbedingungen der Anbieter unterwerfen. Und besonders bei den auch in Deutschland dominierenden Diensten von US-amerikanischen Unternehmen ist uns die Kontrolle darüber, welche Daten wie oft in welchem Umfang von uns gesammelt werden, längst entglitten.

Der deutsche und europäische Gesetzgeber ist ständig bemüht, auch die Verbraucherrechte in der digitalen Welt zu reglementieren, so zum Beispiel mit der Verpflichtung für Dienstanbieter, von Verbrauchern eine Zustimmung zur Erhebung und Nutzung ihrer Daten durch das sogenannte Double-Opt-in einzuholen.

In jüngster Zeit ist aber zu beobachten, wie sich amerikanische Konzerne über dieses geltende Recht einfach hinweg setzen. Mit dem Argument ihrer Supranationalität begründen sie, dass unliebsame nationale Gesetze sie nichts angehen. Jüngstes Beispiel dafür ist Facebook mit seiner Tochterfirma WhatsApp. Im August wurden wir darüber in Kenntnis gesetzt, dass WhatsApp ab Ende September unsere privaten Daten an die Konzernmutter Facebook weitergeben wird. Vom User erforderte es ein aktives Opt-out, also einen Widerspruch, um dies zu beschränken.

Dagegen ging der in Deutschland zuständige Hamburger Datenschutzbeauftragte mit einer Einstweiligen Verfügung vor und untersagte WhatsApp die Weitergabe von Daten, weil dies gegen dass geltende Recht verstösst. Nun wehrt sich Facebook als Empfänger und Nutzniesser der Datensammlung gegen diese Anordnung vor Gericht und begründet seine Klage damit, dass die Sammlung und Nutzung der Daten schliesslich „zum Besten der User sei“. Wieder einmal stellt sich ein Datenkrake über souveränes staatliches Recht.

Ganz offenbar haben unsere staatlichen Institutionen die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit erreicht, weil die Internetunternehmen ihre Interessen mit der Macht des Faktischen durchsetzen. Hier bleibt nur ein einziger Ausweg, um die Privatsphäre zu schützen: sich abmelden und die betreffende App, hier also WhatsApp, löschen. Frei nach dem Motto: Ich bin dann mal weg…

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